45. Kreuzerfernwettfahrt vom Schweriner See – ein ausladender Bericht großer Leidenschaft

Jugendwart Tobias ist enttäuscht. Gastmitglieder dürfen bei einer Deutschen Meisterschaft laut Statuten des DSV nicht für ihren Gastverein starten. Schade, haben wir doch den ein oder anderen guten Regattasegler in unseren Reihen, der trotz großem Engagement im Verein (noch) Gastmitglied ist.

Ich darf ihn trösten. Als nagelneues (Voll)Mitglied war ich am Wochenende segeln und das sogar erfolgreich. Tobias meint, da erwarte er einen Bericht. Das war gestern. Da will ich heute mal meine Eindrücke nicht verblassen lassen.

Die Kreuzerfernwettfahrt vom Schweriner See! Seit 45 Jahren geht es jeden Spätsommer um die vielen Inseln des Schweriner Sees (siehe Karte), einen der größten Seen Deutschlands, ein Revier mit Tradition und leidenschaftlichen Seglern, eine Segelhochburg im Norden – und Heimatrevier für die ersten 19 Jahre meines Seglerlebens. Schon Mitte der Achtziger durfte ich als junger Optisegler bei meinem Herrn Vater mit an Bord, durfte klangvolle Namen der DDR-Jollenkreuzerszene hautnah erleben, Namen wie Heinrich Möller, Herbert Raben oder Jochen Stallbom. Die Pinne durfte ich halten, wenn durch den dreihundert Meter langen Paulsdam gepaddelt, um jeden Meter gekämpft, die hohe Kunst des schnellen Mastlege- und Stellmanöver zur Perfektion getrieben wurde. Mit der Kraft des Jugendlichen dann selber mit gepaddelt, die Fockschot gehalten und später als reifer Steuermann geglüht, um mit Gänsehaut die Idole der Kindheit zu schlagen, wie beispielsweise Herbert Hüttner, eine der wenigen ostdeutschen Gewinner von Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften auf dem Traum eines jeden Jollenseglers im vergangenen Jahrhundert – dem Flying Dutchman.


Aber nie saß ich auf dem Siegerschiff. Erst vor zwei Jahren hatte ich an der Fockschot meines alten Jugendfreunds Gregor Schuchardt endlich eine reale Chance – auf einem der innovativsten Rennzwanziger der 80 Jahre, der Schherazade. Da haben wir’s aber noch in einer dramatischen Flautenregatta verbockt.

Dieses Jahr lief alles rund. Just zwei Wochen nach Eintritt in den Segelverein Potsdamer Adler. Soll das Zufall gewesen sein? Es blies wieder nur ein leichter, sonniger Südwind. Er blieb jedoch konstant und sorgte nicht für allzu viel „Schweinereien“. Dennoch kostet ein Schmetterlingsschlag von beinahe 5 Seemeilen Nerven, wenn sich das Feld quer über den See verteilt und so recht kein Druck in der Riesengenua aufbauen will. Hinterm Paulsdam war dann zum Glück erst mal (Mittags)Pause. Zeit zum Verschnaufen. Am Paulsdam war mal wieder 180er Puls angesagt – für einen Bürohengst/Gelegenheitssportler ein echter Schock. Dennoch, Platz drei mit fünf Plätzen Vorsprung auf den schärfsten Konkurrenten – da geht noch was!

Auf der Rücktour dann herrliche Damenbrise mit kurzen Schlägen am Ufer entlang. Die Jollenkreuzer zeigen in bereits munterer Fahrt, dass sie immer noch die Könige der Mecklenburger Seenplatte sind, Kraftpakete mit fast hypnotischen Laufeigenschaften. Hypnotisiert bin ich auch von dem fortwährenden Feinjustieren der Genua, ein empfindliches Gerät, bei dem jeder Zentimeter Salingsabstand die Düse zum Großsegel entscheidend beeinflusst. Die Crew pendelt zwischen Kajüte und Ausreitgurten. Bei dieser Langstreckenwettfahrt wird auf einem Zwanziger klassischer Weise zu viert angegriffen, ist der vierte Mann doch für’s Paddeln am Paulsdam und für’s Gewicht auf der hohen Kante unverzichtbar. Für Laien haben unsere Leute langsam auch gut verstanden, dass sie das Pendeln einer Jolle trotz dem Kreuzer davor mit zügigen aber doch bedachten Bewegungen machen sollten. Strömung!!

Der Steuermann hockt noch leicht verkrampft im Cockpit. Ein paar beruhigende Worte vom Trimmer und leicht aufbrisende Winde wirken jedoch. Wir kommen vorbei! An der Werderecke gehen wir auf Kurs zum Seglerheim, zurück zur Stadt Schwerin, zurück zu meinem ersten Sieg bei der Kreuzerfernwettfahrt. Ich begrüße meine Tochter am Steg. Sie bleibt unbeeindruckt. Ich aber schwebe eine Handbreit über den Brückenbohlen, beglückwünsche mich mit unserer Mannschaft, freue mich mit meinem Jugendfreund über eine fast fehlerfreie und spannende Regatta und entspanne meine angespannten Nackenmuskeln – die zweite Saling eines modernen Riggs hängt hoch …

Nächste Woche greifen wir wieder beim Blauen Band vom Schweriner See an. Da haben wir den Titel zu verteidigen. Ob das Hochdruckgebiet noch anhält oder ob es wieder mit fünf WS aus Südwest ballert – weil sich das so für eine echte Herbstregatta gehört?

Nun ist der Schweriner See leider weit weg von der Potsdamer Havel. Der ein oder andere Vereinsfreund ist aber sicher schon mal über seine Wellen geglitten und kann meinen Bericht nachempfinden. Oder es werden Erinnerungen an lokale Langstreckenregatten wach. Vielleicht kann ich die ja auch eines Tages hören oder lesen. Oder ich kaufe mich bei Hannes ein. Sobald er seinen neuen Kreuzer wieder zu einer Jolle gemacht hat, wird der sicher ein guter Renner sein. Hannes, das ist ein Angebot!

In jedem Fall werde ich die Bilder vom Wochenende noch eine Weile mit in den Herbst hinein nehmen. Und ich wünsche Euch, dass Ihr Euch auch gut mit Bildern aus dieser Saison versorgt habt. Der Winter kann lang werden. Vielleicht setzt ihr noch einen drauf und wir sehen uns bei der Vereinsregatta. Keine Angst, da bin ich noch außer Gefecht - als Begleitperson auf dem Motorboot.

Holt dicht!

Der Jörg