Regatten » Regattaberichte » IDM 2010
Es war bereits dunkel und auch die Kartoffelsuppenbude hatte schon zu, als unser Potsdam-Berliner Trailergespann in Leipzig eintrudelte. Warscheinlich würden wir - Andreas, Sebastian, Anja und Hannes - immer noch mit Andreas' Sprößling auf dem Teppich sitzen und LEGO bauen, wenn Tanja uns nicht an dem Tag unserer Abreise mit dem Abendbrot dabei unterbrochen und an unsere bevorstehende Meisterschaft erinnert hätte ... Gesättigt waren wir also schon, ein gepflegtes Bier am Tresen mit den anderen Contenderrecken gehörte jedoch noch zur Pflicht ...
Der Morgen des Himmelfahrtstages begann trübe. Leichte Winde aus westlichen Richtungen dominierten den See. Nach dem üblichen Prozedere der Anmeldung gab es nach dem Auftakeln noch genug Zeit, die angereiste Konkurrenz in Augenschein zu nehmen. Da waren neben starken Italienern und Österreichern die Leichtwindfüchse Gernot Götz und Max Billerbeck, Routiniers wie Karsten Kraus und Joachim Harpprecht, aber auch die Hackbratzen Christoph Engel und Ex-Weltmeister Jan von der Bank mit von der Partie - alles potentielle Titelanwärter. Von den ersten zehn Seglern der laufenden Rangliste bildete ich mir ein, für jede Windstärke zielsicher den Gewinner dieser IDM vorhersagen zu können. Mein eigenes Ziel waren jedoch die Top Ten. Die ewige Nummer 11 in der Rangliste musste endlich gebrochen werden.
Der Start zum ersten Rennen begann so lala. Nachdem ich mir einen Platz an der bevorteilten Starttonne ausgesucht hatte, wurde es dort 40 Sekunden vor dem Start so eng, dass ich mich spontan für einen Steuerbordbugstart entschied. Glücklicherweise öffnete sich nach dem Abfahren der halben Startline pünktlich zum Startschuss eine Lücke durch die ich mich schnell freisegeln konnte. Die Luvbahnmarke erreichte ich irgendwo in den Zwanzigern. Die Jury schien an diesem Tag besonders engagiert zu sein, insofern war an pumpen nicht zu denken. Dann also auf die Ruhige - Schwert hoch, möglichst weit vorn im Schiff positionieren und die Windbändsel im Segel beobachten. Während ich die Grobeinstellung des Segelwinkels mit der Großschot vornehme, justiere ich den Niederholer anhand der obersten Windbändsel als Feintuning ständig nach. Das funktioniert erstaunlich gut - mein Grundspeed ist fühlbar schneller als der meiner Nachbarn. Während die Masse auf dem Raumschotkurs gierig nach Luv drängt, lasse ich mich zusätzlich mit jeder Böe weiter nach Lee durchsacken - das hat, zugegebener Weise, eigentlich noch nie so perfekt funktioniert. An der Halsentonne werde ich belohnt und hole als innenliegendes Boot 12 Kontrahenden auf einen Streich ein. Während ich mich bereits wieder auf den neuen Kurs und das Feintuning meines Segels konzentriere höre ich hinter mir das Tumult des Pulks beim Versuch des Synchronhalsens um die Tonne - lieber nicht umdrehen denke ich so bei mir und halte direkten Kurs zur nächsten Bahnmarke. Auf der Kreuz bestätigt sich meine Passion für leichte drehende Binnenwinde. Am Luvfass bin ich schon fünfter. Die zwei Boote vor mir halsen auf dem Vorwindkurs sofort, ich entscheide mich jedoch erst einmal für geradeaus. Glücklicherweise ist die Leetonne nicht so weit links wie erwartet insofern ist mein Kurs gar nicht so schlecht und die zwei Steuerleute der "bis eben noch vor mir" Boote halsen grimmig dreinblickend hinter mir zurück. Im Ziel bin ich dann stolzer Dritter, halte das ganze Rennen jedoch für einen persönlichen positiven Ausrutscher. Die nächsten zwei Rennen des Tages verlaufen ähnlich - Innenposition an der Leetonne, das Pulk einsacken - und unter den ersten Zehn ins Ziel. Einzig und allein triumphiere ich über meinen ersten und super knappen Zielkreuz-Sieg gegen Jan von der Bank im dritten Lauf. Nach der Leetonne lege ich sofort um, während Jan sich fluchend im Pulk der Vorwindsegelnden verirrte. Am Ende waren es zwanzig Zentimeter, wie ich anhand der Gesten von Zielschiffcrew und dem ertönenden Klageschrei von Jan ausmachte ;) Gegen abend gab es dann neben dem Einlaufbier irrtümlichwerweise die Steaks und Bratwürste des nächsten Tages gleich mit, so dass alle wohl gesättigt zu Bett gehen konnten. Die Ergebnisse der Konkurrenz lagen an diesem Tag zwischen Supergau und Genialität, insofern bin ich mit meinen recht stetigen Ergebnissen ganz gut dabei - gesamt Platz vier.
Der Start für Freitag war auf 10 Uhr angesetzt - uff!! Ganz schön früh! Wind und Wetter unverändert - nachmittags soll es jedoch regnen. Alle Starts - bis auf die Allgemeinen Rückrufe, wo ich froh war, dass es Fehlstarts waren - führte ich in meiner erst frisch perfektionierten Hyänen-Starttaktik durch. Bei der Hyänen-Starttaktik gilt es zu vermeiden, vor dem Start in eine bedrängte manöveriertechnisch eingeschränkte Situation zu geraten, z.B. im Pulk am Startschiff. Man verzichtet quasi auf einen Platz in vorderster Reihe um dafür bis zum Zeitpunkt des Starts an jedem beliebigen Punkt entweder mit Speed starten zu können oder zumindest gratis einen leeren guten Startplatz zu erhaschen - oder, um wieder auf die Hyäne zurückzukommen - zuzuschnappen, wenn gerade keiner aufpasst. Voraussetzung hierfür ist eine Startlinie mit entsprechend viel Platz und möglichst viele Segler, die nach der Lehrbuchmethode starten. Ein weiterer Vorteil ist, dass man dem Gegner erst in den letzten Sekunden vor dem Start seine wahren Absichten verrät und man bis dato als Wartender in der vierten Reihe oder auf der falschen Seite nicht als Gegner wahrgenommen wird. Soviel dazu... Egal - jedenfalls fahre ich seit dem nur noch Hyänenstarts ;) Die Platzierungen des Tages lagen mit Platz 2, 3 und 14 als Streicher weit über meinen Erwartungen, zumal ich in der Gesamtplatzierung auf die Nummer Drei vorgerutscht bin. Der Rest des Tages bestand daraus, in den kurzen Regenpausen die Geselligkeitslokationen zu wechseln bzw. kleine Änderungen am Boot an Trim und Ergonomie vorzunehmen - für den nächsten Tag ist mehr Wind vorhergesagt. Speis und Trank stellte abermals der Veranstalter, einige nutzten die Sauna inklusive Massage, um sich für den kommenden Tag fit zu machen.
Am Samstag blies es dann schon etwas mehr. Die Flagge O weht am Startschiff - das Pumpen ist also freigegeben. Und endlich mal dauerhaft gestreckt im Trapez stehen können - Yippie!! Nach einem erneuten Hyänenstart auf die linke Seite lege ich kurz vor der Anlegelinie um - ein kleiner Zieher und ich kann die Tonne anliegen - perfekt! Neben mir in Lee segelt Leichtgewichtrakete Max Billerbeck. Der Wind ist heute für ihn gemacht und ich weiss, eine kleine Böe, und er zieht mir in Lee davon. Also Angriff: abfallen, Segel etwas auf und ihm über den Lappen fahren. Ich höre Ihn in Lee maulen - da muss er durch. Als Erster gehe ich um die Luvmarke und kann die Position bis ins Ziel halten. Ein erster Platz bei einer DM - noch nie geschafft - jetzt bin ich stolz. Im zweiten Rennen identisches Szenario, Hyäne, Anschlag links, Max in Lee über den Lappen fahren - Luvmarke als erster erreicht. An der Tonne muss ich ein Tick weiterfahren um Jan auf Backbordbug lieber durchfahren zu lassen - mein Boot ist doch noch neu ;) Der scheint zu seiner alten Form zurückgekehrt und rast los - wirkt dabei aber auch ganz verbiestert. In Gleitfahrt gestreckt im Trapez folge ich ihm etwas in Luv versetzt im Kegel seines glatten Kielwassers zur Halsentonne - er dreht sich auf dem ganzen Schenkel nicht einmal nach mir um. Ich beobachte, wie er Böen und Wellen ausnutzt und mache einfach das gleiche - funktioniert ganz gut - ich bleibe dran. Bei der Halse vertut er sich und bummst einmal gegen die Tonne... hihi. Um ihn von der Realität seines Missgeschickes zu überzeugen rufe ich nochmal nach ihm und er leitet widerwillig seinen Kringel ein. Als er die 360 Grad durch hat, ist er an meinem Heck. Den darauffolgenden unnötigen zweiten 360er, der Ihn hinter das nächste Pulk rutschen ließ, hat dem alten Hasen an Land immer noch schwer zu schaffen gemacht. Auf dem Vorwindkurs gönne ich mir eine Pause - Großer Mist! - ein Viererpulk mogelt sich pumpend an mir vorbei. Max und Alex dabei. Beide beginnen später an der Leetonne noch einen Kampf um die Innenposition der zum Glück so außer Kontrolle geriet, dass eine schöne fette Hyänenlücke beim Runden für mich frei wird. Schnapp! Platz drei im Ziel - Glück gehabt. Das letzte Rennen fängt genauso an wie die anderen auch, nur Max wollte sich nicht noch einmal über den Lappen fahren lassen. Diesmal läßt er mehr Abstand und es gelingt ihm, vor mir die Luvtonne zu runden. Auch gut ... Auf dem Raumschotgang versuche ich dran zu bleiben - keine Chance - Max ist zu fix. Während des Vorwindkurses läßt dann der Wind merklich nach und als Gernot sich von hinten heranarbeitet, wünsche ich mir, dass die Pumpflagge gestrichen wird. Ich erinnere mich, wie mir Gernot, Meister des Pumpens, auf der EM 2008 in Italien erklärte, wie man's macht: Ausgangspunkt ist eine Welle, die einen bereits zu Tal befördert. Während man dann schön die Welle runterrutscht muss man Ausschau nach einem Pass halten, der die Passage durch die nächste Wellenwand aufzeigt - wie beim Bergsteigen eben. Man hält quasi immer auf den niedrigsten Punkt der nächsten Welle zu - egal, ob man dabei extreme Kursänderungen vornimmt. Das ganze natürlich schön soft und wenn man zwischendurch an der Großschot zieht - umso besser. So versuche ich es zumindest auch bei den lächerlichen 20 cm hohen Wellen des Cospudener Sees und beobachte weiterhin Gernot über mein Kielwasser, welches sich nun einer sich ringelnden Schlange ähnelt. Fazit: es geht wirklich etwas schneller - aber eben nicht so schnell wie bei Gernot. Als er grinsend vorbeizieht, drohe ich ihm mit Revange auf der nächsten Kreuz. Gesagt getan und ich hangelte mich gerade noch vor ihm hinter Max als Zweiter ins Ziel. Auf der Ergebnisliste stelle ich verblüfft fest, dass ich in der Gesamtwertung vorn liege, dahinter mit fünf Punkten Abstand Karsten und einige Punkte dahinter Max und dann Jan. Beim Titelkampf der Mädels zur besten Deutschen Contenderseglerin liegen die Abstände deutlich geringer. Johanna, Christiane und Maren sind alle nur einen Punkt voneinander getrennt. Der morgige Tag wird - wie bei mir die Entscheidung bringen. Am Abend gibt es neben vielen anerkennenden Schulterklopfern noch ein super reichhaltiges und leckeres Buffet.
Der Sonntag begann mit einem mulmigen Gefühl - das mir bisher Unmögliche möglich machen oder - im schlimmsten Fall - auf einen trotzdem sehr guten vierten Platz zurückfallen. Das Hamburger Modell, so unken jedoch viele, scheint dieses Jahr auch wieder gut zu funktionieren. Pate für das Hamburger Modell stand im letzten Jahr Jörg Dannemann aus Hamburg, dem Sieger der IDM 2009: Zuerst kaufe man sich einen neuen Bonezzi-Contender. Dann gebe man vor Saisonbegin Nachwuchs in Arbeit, zieht während der Wettfahrtserie ausschließlich die "Segel von Broen" hoch und gewinnt mal eben locker. Läuft bei mir bisher genauso ... hhhmmm ... Die Schaumkronen auf dem Wasser und das Pfeiffen der Wanten zeigen heute deutlich die erhöhten Windverhältnisse gegenüber den Vortagen. Nach einem klassischen Hyänenstart im letzten Rennen liege ich an der Luvtonne gar nicht so schlecht. Jan - der Erster werden müsste um überhaupt noch etwas zu reißen - ist zwar vor mir, vor ihm sind jedoch auch noch eine Handvoll Recken geführt von Christoph Engel. "Nur nicht ins Klo greifen" denke ich mir und fahre die nächste Kreuz auf Nummer sicher. Karsten nutzte die Chance und arbeitet sich über einen Linksdreher an mir vorbei. Okay - immer noch nicht schlimm - er fährt direkt vor mir - fünf Punkte Vorsprung reichen ja. An der Leetonne schenken mir meine Pulknachbarn - Andreas, Dirk und Alex - die Innenposition, so dass ich mit einer perfekten Bojenrundung auf die Kreuz gehe. Die folgende Kreuz und der Raumgang ziehen das Feld regelrecht auseinander: Fünf Boote vor mir, 100m Nichts, dann ich, wieder 100m Nichts und schließlich das restliche Feld. So kann es bleiben. Im Ziel landen meine Kontrahenden auf Platz zwei und vier, ich auf Platz sechs - geschafft! Die Zielschiffcrew applaudiert schon und ich befreie mich mit einem Jubelschrei von der psychologischen Last der letzten Stunden. Deutscher Meister - krasse Sache! Yippie!!!!
An Land angekommen darf ich mich den Gratulationen sämtlicher Mitstreiter(innen) hingeben - ein mir bisher ungewohntes Gefühl - das sich aber gar nicht so schlecht anfühlt ;) Mein Dauergrinsen lässt sich nicht verstecken - es geht auch auf dem Podiumstreppchen nicht weg - nur ganz kurz, als mich die Jungs nochmals in die Fluten des Cospudener Sees werfen - aber dann kam das Grinsen wieder... Der Deutschen Meisterin Johanna Grandt und dem Jugendmeister Alexander Gröhlich, bleiben das Nass erspart.
Alles in allem - auch wenn ich aufgrund der Ergebnisse wohl etwas voreingenommen bin - war die IDM 2010 auf dem Cospudener See eine gelungene Veranstaltung mit einer super Wettfahrtleitung und einer tollen Landcrew. Vielen Dank ebenso an den ausführenden Verein und allen Helfern für dieses tolle Event. Besonderer Dank geht auch an Jörg Glaescher, der nach dem Segeln nochmal mit uns auf's Wasser musste, um die coolen Fotos zu machen!! Ich bin mir sicher, dass es allen Spass gemacht hat - zumindest mich wird man auf der Meldeliste zum Leipziger Saunacup in diesem Herbst wiederfinden!
Hannes Seidel
Contender GER-2488